Rufst Du mich an.

Der Tag beginnt holprig. Zu viele Termine. Zu viel Telefon. Irgendwie unrund alles. Letztlich noch die unverhoffte Zugfahrt in Richtung Nordkette. Jetzt. Heute, am Tag vor dem langen Wochenende. Sparschiene findet nicht statt. Dafür noch eine kurzfristig eingeschobene Besichtigung beim Automobilclub des Vertrauens. Ein arroganter Jüngling bei der Kfz-Zulassungsstelle. Und. Stopp. Aus jetzt.
Muttern versucht mit einer Suppe zu retten, was noch zu retten ist. Es geht Richtung Bahnhof. Der Bahnsteig voll wie die ersten 10 Reihen beim Ed Sheeran-Konzert. Zug fährt ein. Tür auf. Raucher mit Entzugserscheinung raus. Restliche Meute rein. Um es kurz zu machen: Der vermeintlich freie Fensterplatz war reserviert. Ob des Anblicks meines bereits schwer in Mitleidenschaft gezogenen Sitznachbarns (und der damit verbundenen Geruchskulisse) verzichtet die nette Dame auf ihr Vorrecht des Sitzplatzes. Das Drama nimmt seinen Lauf. Die nächste Dose Pilsener wird geköpft. Sprühnebel. Herrlich. Der Kopf brummt. Mein Schulter an Schulter Sitzender tritt offensichtlich seine Wintersaison an. Slowakischer Pizzakoch auf dem Weg ins Schneeparadies. Jenseitig des Ganges sitzt seine Frau. Debatten. Er schnarcht weg. Mittendrin eine Film-Crew, lautstark, penetrant. Es ist Freitag und ich mag einfach nur, dass dieser Tag zu Ende geht. Doch noch ist es nicht soweit! Deutschland. Telefonieren unmöglich. Immerhin 2018. Nächster Halt: Mein Sitznachbar stürmt los, um seinen Nikotinhaushalt zu regulieren. Kommt wieder. Pennt weiter.
Innsbruck endlich. Verabschiedung höflich. Seine Augen sind freundlich, respektvoll. Er verspürt Druck und weiß, was in den nächsten Monaten abgeht: Quattro Stagioni jagt Diavolo. Margherita ohne Käse zum Drüberstreuen. Machs gut und komm gut wieder heim. Nach Bratislava. Kosice. Oder wo immer Du Dich zu Hause fühlst.

Abholung durch den Verkäufer. Habe ich schon erwähnt, um welches Fahrzeug es heute geht? Renault. 18 Jahre alt. Allrad. In Kooperation mit STEYR PUCH. Hellhörig geworden? Der Kontakt zum Veräußerer verlief bis dato eher schleppend. Einsilbig. Mühsam. Einer von der Sorte HALLO. Sie kennen das? Man ruft an und der Gesprächspartner nennt nie seinen Namen. Nicht am Rohr, nicht auf WhatsApp, nicht im SMS. Einfach nur Hallo. Nicht unfreundlich. Aber unpersönlich. HALLO holt mich ab. Am Bahnhof. Audi älteren Baujahres. „Hallo“. Ja, „hallo“. HALLO hat Stress. Muss zum Arzt. VORSICHT!!! Das ist Taktik. Der Verkauf will möglichst schnell abgewickelt werden. Es geht Richtung Hall. Schotterplatz. Absperrgitter. So sehen Plätze aus, an denen Exportautos landen. Vor dem Export. Nun also: Alm oder Afrika? Um ein Bild zu vermitteln. Hier stehen Peugeot 504 (… der kam offensichtlich aus der entgegengesetzten Richtung?), Fiat Panda 141 Allrad (rostgeplagt), deutsche Verbrauchtwagen und, ja und: ein Renault Mégane Scénic RX4. Petrolblau. Eingeparkt. Für ihn sprechen die Witterung – im Sonnenschein wirkt vieles einfach freundlicher – und mein Gesundheitszustand. Mein Kopf am Zerspringen. Rückreise per Zug unerwünscht. HALLO drängt. Telefonate. Mit einem Kind offenbar. Ist er Vater? Onkel? Es verändert die Perspektive ein wenig.
Startversuch: NO. Startkabel. Der A4 richtet es. UI. Scénic rennt. Probefahrt. HALLO meint: ja, aber nur am Schotterplatz. Das Gespräch an der Kippe. Probefahrt! Los. Die „Rennleitung“ am ersten Kreisverkehr. Mit den Blauen (Jargon: Probefahrtkennzeichen) bist Du Lieblingskanditat. Und wenn das Gerät vornehmlich älter ist, dann ohnehin. Doch heute nicht. Scheint sich zum Glückstag zu entwickeln, dieser Freitag. Die Bremsen sind hinüber. HALLO weiß Rat, der keiner ist. „Lenkt und fährt“ trifft den Zustand des KFZ. Das Auge fällt auf blinkende Tachoanzeigen, verräterische Holzstäbchen, die in den rechten Seitenscheiben stecken und auf vereinzelte Blätter auf der Rückbank. Französischen Autos eilt oft der Ruf des „Elektronikdesasters“ voraus.
Zurück am Schotterplatz. Preisverhandlung. Verkaufsanbahnung. Orient trifft Mitteleuropa. Ungeklärte Identität eines Namenlosen prallt gegen einen österreichischen Reisepass. Gültig. Wer ist dieser HALLO? Was verbirgt er? Alles legal? Wer war der Vorbesitzer unseres RX4? Viele Fragen bleiben vorerst unbeantwortet. HALLOs Bruder sei Autohändler. Er nicht. Das Misstrauen wächst. Und das Unverständnis. Klare Worte vonnöten. Wie bei uns in Österreich Geschäfte abgeschlossen werden. Zähes Ringen um einen Preis, um Fahrzeugpapiere und um Vertrauen. Letztlich ein Handschlag. Kollegial beinahe. Denn HALLO bekommt plötzlich einen Namen: Ali Abdel L. (Name geändert). Mit Firmenbriefpapier. Ohne aktivem Gewerbe, wie sich später herausstellte. Lügen derer viele. Trotz allem: KAUFVERTRAG!
Es geht ostwärts. Mit Vorsicht. Motor abstellen vorerst nicht, der Startakku zu schwach. Auftanken wie im Rennmodus, Motor läuft. Gibt es ein Heimkommen an diesem Tag? Ali ruft nochmals an. Und das ist der Punkt, an dem diese Geschichte Sympathie erfährt: „Rufst Du mich an. Oder gib bescheid, wenn Du zu Hause bist“, sagt er. Das ist nicht selbstverständlich. Doch das, was bleibt.

Zeitraffer: Die Holzstäbchen in den Seitenfenstern versagen auf Höhe Wörgl / Fenster gleiten nach unten/ Fensterheber hinüber / Teilgeöffnete, gut durchlüftete Kabine am 7. Dezember / Das Land im Weihnachtsmarktmodus / Bundesstraße/ jede Kontrolle seitens der Exekutive würde zum frühzeitigen Fahrtende führen / Risiko nehmen / deutsche Autobahn / es ist schweinekalt / heimkommen in der Nacht / einparken / Fenster verschließen ( das wird in der Folge noch öfters zu einem gröberen Procedere …) / Meldung an Ali / Feierabend.

Details und Bilder zum Fahrzeug …

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