Odysseus in Sigmundsherberg.

Eine Reise durch Österreich. An einem Tag. Mit vielen Begegnungen. Zeit zum Nachdenken. Oder auch nicht. Doch der Reihe nach. Unser Odysseus (Name vorsätzlich gewählt, weil selbsterklärend) startet seine Abenteuerfahrt im Frühzug. Salzburg Hauptbahnhof, 5.52 Uhr.
Es riecht beim Einsteigen bereits nach Wurstweckerl. Er »LIEBT« das. Pünktlich rollt das Personentransportfahrzeug ab. Die Durchsage folgt. Der Kartenverkauf auch. Ein Kommen und Gehen. Pendler, Arbeitende auf dem Weg zur Wirkungsstätte. Die Hauptstadt Niederösterreichs ist nach knapp 2 Stunden erreicht, der Regionalzug nach Krems wartet bereits. Umstieg, alles eine Stufe gemütlicher. Krems im Novembernebel, warten auf den Bus.
Der Bus nach Zwettl, eine Hand voll Reisender. Nach wenigen Minuten sitzen nur noch Odysseus, eine ältere Dame und Johann, der Chaffeur im Bus. Es ist ein großer, stattlicher Bus, über 10 Tonnen Eigengewicht und Sitzreihen ohne Ende. Hinauf Richtung Zwettl, je höher, desto mehr lichtet sich der Nebel. Rastenfeld um kurz nach 10. Odysseus wird abgeholt. Begrüßung, kurze Vorstellung. Aufbrechen zum Objekt der Begierde. Fahrzeugbegutachtung mit negativem Ausgang, das sei vorweggenommen. Es passt einfach nicht. Das Fahrzeug, der Preis. Die zwei kommen nicht zusammen. Was folgt? Eine sehr kurze Fahrt zur nächstgelegenen Bushaltestelle. Gut. Nein. Denn es fährt kein Bus, zumindest in den nächsten zweieinhalb Stunden nicht. Es ist kalt. Nebel fällt ein an der B38 – Böhmerwald Bundesstraße – im Fünf-Minuten-Takt kommt ein Auto. Jedes zweite ein Holz-LKW mit tschechischem Kennzeichen. Odysseus reißt seinen Daumen in die Höhe. Versucht zu stoppen. Keiner hält. Er nimmt sein Gepäck auf und startet den Fußmarsch. Rund 50 Kilometer entfernt liegt Horn …

… Zur Rechten die Felder. Links neben der Straße militärisches Sperrgebiet. Allentsteig. Übungsgelände seit düsteren Tagen. Der Nebel kriecht ins Gewand. Die Bewegung hält trotzdem warm. Plötzlich ein silbener Van älteren Baujahres. L17 auf der Windschutzscheibe. Zwei Männer sitzen im Auto. Mitt-Vierziger. Migrationshintergrund. Sie nehmen Odysseus mit. Hamed* sitzt am Steuer, Nabil* am Beifahrersitz (*Namen stellvertretend). Odysseus bedankt sich. Die zwei haben ein Auto in die Werkstatt gebracht und sind auf dem Rückweg. Sie dürften Freunde sein. Hameds Deutsch ist kaum zu verstehen. Nabil vermittelt, greift übersetzend ein. Überhaupt scheint Nabil der kommunikativere zu sein. Seit 36 Jahren ist er bereits in Österreich. Sein Sohn ist Polizist, seine Tochter studiert in Wien. Die Familie wohnt in der Nähe von Horn. Er liebt das weite Land, könnte nicht sein in der Enge der Berge. Sie würden Odysseus nach Sigmundsherberg bringen. Zum Bahnhof. Nicht nach Horn? Nein. Sigmundsherberg sei der JUNCTION. Naja. Klingt im ersten Moment nicht nach Verkehrsknotenpunkt. Aber regional gesehen.
Zwischenstopp: Hamed muss Zwiebel holen. Fast eine Entschuldigung für die 3-minütige Fahrtunterbrechung. Odysseus dankt dem Herrn. Glaubt an das Gute im Menschen und möchte sich erkenntlich zeigen. Nabil lehnt ab. Er habe eine Bitte: Odysseus soll ihn und Hamed in das Abendgebet einschließen. Religionenübergreifend quasi, doch das sei hier nur am Rande bemerkt. Weil es eh nichts zur Sache tut. Weil es ohnehin egal ist. Welcher Gott. Verabschiedung am Bahnhof. Mit herzlichem Handschlag. Odysseus ist dankbar. Was kann jetzt noch kommen …

… Sigmundsherberg hat er hinter sich gelassen. Es geht Richtung Wien. Das Wetter trüb. Wenig einladend draußen. Wohlig warm im Inneren des Waggons. Was nicht selbstverständlich ist. Odysseus disponiert um. Noch eine Besichtigung. Umweg nehmen. Telefonate. Falschangaben im Internet werden zurechtgerückt. Der neue Wunschpreis für das Objekt der Begierde deponiert. Ruhe bewahren jetzt. Der Tag war schon lang. Neues Glück beim Schopfe packen. Wiener Neustadt. Hier ist er öfter gewesen in letzter Zeit. Immer wieder mit dem Zug zurückgereist. Leere Kilometer in diesem Eck von Österreich. Was wird heute noch passieren nach diesem Auf und Ab, dem Wechselbad? Man trifft sich am Bahnhofsvorplatz. Der Leser stelle sich einen Kleinst-Peugeot in knalligem rot vor. Joe** am Steuer (der Vermittler und Mann vom Telefon), Erwin** in den Endachtzigern und eher von der stummen Sorte (**Namen zum Typ passend gewählt) am Beifahrersitz nickend. Die Sonne hinter den Wolken ist bereits außer Dienst. Die drei steuern auf Winzendorf zu. Hier finden jährliche Winnetou-Festspiele statt, der Ort ist also immer eine Reise wert, zumindest im August. Wir haben Ende November. Die Hohe Wand – Attraktion 2 nach den Wildwestspielen – ist ob der Finsternis nicht mehr zu erkennen. Dafür nähern sich die Männer einem Grundstück samt Altbestand. Im Garten stehen 5 Autos. Alle ohne Kennzeichen. Manch ein Gebrauchtwagenhändler würde neidisch werden. Oder doch nicht. Das kleine Allrad-KFZ wird besichtigt. So gut es eben geht. Die Reifen »neu« – aus dem Jahr 2007. Der reparierte Kratzer links vorne so tief, dass dabei das Federbein getauscht werden musste. An der rechten Seite die reparierte Delle, die man lieber verschweigen wollte. Odysseus würde gerne sauer sein. Doch was dann. Hier. Am A der Welt. Zu Fuß nach Hause? CONTENANCE! Der erste Wagen ist abgehakt. Der niedrige Kilometerstand reißt’s nun auch nicht mehr raus. Erwin taut auf. Wird gesprächig. Erzählt von seiner Lebensgefährtin, die vor 2 Jahren heimgegangen ist. Von den Autos, die er mit ihr bewegt hat. Von seiner Selbstständigkeit als Maler, von seiner Anstellung im Gefangenenhaus und BEI DER SEMPERIT. Joe bedient die Taschenlampe. Mit überschaubarem Erfolg. Und macht die Preisvorschläge. Zumindest hier hat
der Mann Visionen. Und Phantasie. Odysseus mag ihn nicht. Welten trennen die beiden. Machen wir’s kurz. Erwin hängt noch immer an Hermine** – und an den gemeinsamen Autos. Er kann sich nicht trennen. Der Schmerz wäre zu groß. Lieber sich der Illusion hingeben, dass sie eines Tages wieder aussteigt aus einem der fahrbaren Untersätze. Odysseus versteht den Alten. Er macht Schluss. Es geht zurück. Winzendorf-Bahnhof. Hier ist Endstation. Zumindest zwischenzeitig …

… Warten. Auf den Zug. Endgültig zurück. Abhaken, was heute war. Die Rückschläge wegstecken, das Positive nach vorne stellen. Es beginnt zu regnen. Der nächste Zug kommt in einer knappen Stunde. Drüben im Wirtshaus brennt Licht. Der Trafikant macht Kasse. Es ist Leben in diesem kleinen Ort. Noch. Denn es ist Abend geworden. Zeitraffer: Triebwagen zurück nach Wiener Neustadt. Von dort im Intercity nach Wien-Meidling. Pizza, das Viertel um 2.90, ein Highlight an diesem Tag. U-Bahn, Bahnhofswechsel im abendlichen Großstadt-Getümmel. Heimfahrt, Müdigkeit ein wenig, und dann die Frau, die direkt hinter Odyssseus sitzt. Sie telefoniert. Im ersten Moment wirkt Odysseus genervt. Jetzt bloß kein 2-Stunden-Telefonat mitverfolgen. Doch es bleibt nicht aus. Er verfolgt das Gespräch der Frau – unweigerlich. Sie mag um die 50 gewesen sein, der Stimme nach. Unser »Held« hat kein Bild von ihr. Doch er hört, was sie sagt. Traurigkeit in ihrer Stimme, gepaart mit Angespanntheit. Ihr Mann sei in Wien im Krankenhaus. Ein kleiner Fortschritt heute, erstmals Aufsitzen im Bett. Spaß machen mit dem jungen Pfleger. Ein kleiner Lichtblick. Odysseus hört die Geschichte noch weitere 3 Male. Die Frau ruft Freunde und Verwandte an. Um nicht allein zu sein mit ihren Sorgen. Plötzlich stört es nicht mehr, dass sie telefoniert. Verständlich, dass sie jemanden braucht. Alles relativiert sich plötzlich. Die Erlebnisse des Tages erscheinen in einem anderen Licht. Sind um vieles leichter zu ertragen – ganz wie von selbst. Echte SORGEN schauen anders aus. Und es gibt sie. Amstetten. Die Frau steigt aus. Morgen am frühen Nachmittag fährt sie wieder nach Wien. Und übermorgen auch. So lange, bis es wieder gut ist.
Linz. Salzburg. Es schneit. Der letzte Bus. Das Ende einer Reise, eines Tages, der an Kontrast nicht mehr hätte bieten können. Ein Heißgetränk, es ist Mitternacht. Wirtschaftlich eine Nullrunde, 20 Stunden auf der Ausgabenseite. Doch gelernt und mit Eindrücken reich zurückgekehrt. Und dankbar für das, wie es ist.

ENDE

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