Prossinger schreibt – Jimmy

 

Jimmy

Ein lauer Sommerabend. Juni mag es gewesen sein. Einige Jahre her. Einer dieser Termine, die es anscheinend braucht. Am Abend, in Wien. Twin Tower. Lauter schöne Menschen. Wichtige. Und weniger. Er mittendrin. Der Salzburger. Es finden sich dennoch Gesprächspartner. Alles wartet auf den Einen. Er lässt alle warten. Und es warten auch alle. Bis auf wenige. Die es irgendwann satt haben. Das wichtige Getue. Der Salzburger geht. Oder besser gesagt: Er fährt. Widmet sich dem schönen Teil des Abends. Doch dann kam alles anders.

Es war noch hell, mag wohl halb 10 gewesen sein. Ein heiseres Motorengeräusch in der Tiefgarage. Dumpfes Grollen aus 2 Endrohren. Schwarz. Nero siderale. Biturbo. Italienisches Gerät mit Dreizack. Vorfreude auf 3 Stunden Heimfahrt. Oder weniger. Doch es kam ganz anders.

Der Weg zur Autobahn. Außenring dann. Warmgefahren, einigermaßen. Zaghaftes Hochdrehen. Erster Anflug von Leistungsverlust. Der Weg geht bergauf. Sie kennen die Strecke, werter Leser. Motoraussetzer, immer wieder. Jetzt: Entscheiden, ob man weitermacht oder anhält. Weiterfahren. Hoffen, dass es gut wird. Aussetzer. Sich dahinschleppen. Wie ein angeschossenes, waidwundes Tier. Weitermachen. Bis auf den Leistungsverlust keine verdächtigen Geräusche. Ein Motorschaden wäre fatal.
Letztlich: Alland Raststation, nichts geht mehr. Abstellen. Letzte Zuckungen quasi. Der Schwarze steht am Rand, neben den Zapfsäulen. Mitleidige Blicke. Der Salzburger überlegt. Denkt nach. Den Mechaniker des Vertrauens anrufen? Jetzt, bei einbrechender Nacht. Er wird dich lieben. Oder den Automobilclub holen?
Gespräche mischen sich in die Nachdenkphase. Fachsimpeleien, die keine sind. Wenn nur wenige der schraubenden Zunft sich überhaupt an diesen Motor wagen, wie sollen Laien jetzt einen Defekt diagnostizieren? Wie bitte? Die Zeit vergeht. Es ist dunkel mittlerweile. Reges Treiben, ein rumänischer Autohändler spricht den Salzburger an. Sein Kollege fahre mit leerem Hänger Richtung München. Er könne den Italiener aufladen. Mitnehmen in den Westen. Nach Hause bringen.
Es läuft ein Film ab im Kopf. Vorurteile. Zweifel und Hoffnung im Klinsch. Risiko nehmen? Was kann passieren? Er verhandelt einen Preis aus. Einen fairen. Begrüßung. Alles geht schnell jetzt. Es ist ein betagter 525 Touring, hinten dran ein Zweiachshänger. Der 6-Zylinder-Diesel grummelt vor sich hin. Der Dreizack ist im Handumdrehen verladen. Der Salzburger steigt ein, am Lenkrad neben ihm ein junger Mann, der sich mit JIMMY vorstellt. Wenn sich rumänisch am Fahrersitz und deutsch am Beifahrersitz treffen, einigt man sich auf englisch. Jimmy öffnet eine Dose Cola, reicht sie seinem Beifahrer. Dann erst eine für sich selbst. Und dann kam alles anders.

Knapp 3 Stunden Fahrt liegen vor den beiden. Vom Alter her mögen 10 Jahre dazwischen gelegen sein. Der junge Rumäne beginnt zu erzählen. Was er macht. Wie er zum Autohandel gekommen sei. Dass er eigentlich ausgebildeter Ingineur sei. Aber in seiner Heimat keinen Job bekommt in seinem erlernten Beruf. Und deshalb Woche für Woche nach Deutschland fährt. Um dort ein Auto zu holen, das er in seiner Heimat wieder verkauft. Damit ein Vielfaches dessen verdient als wenn er als Techniker beschäftigt wäre. Dass er selbstständig ist, das Risiko trägt. Für sich, seine Frau, die beiden Kinder. Und dass er gerne Geschäfte mache mit den Deutschen. Dass dieses Deutschland ein tolles Land sei. Genau so wie Österreich. Schnitt: Die beiden haben sich auf MODERN TALKING geeinigt. Kontrastprogramm sozusagen. Der Bayer zieht unbeeindruckt seine Spur. Der Italiener hinten auf dem Hänger. Wie wird sie enden, diese Fahrt?

Jimmy telefoniert mit seinem Kollegen, der einige Minuten vor ihm Alland verlassen hat. Auf Höhe Ybbs mag es gewesen sein. Rumänisch. Es ist eine andere Welt. Eine fremde für den Salzburger. Er zweifelt. Was mag passieren? Was haben die beiden vor? Eine viertel Stunde später. Stopp an der nächsten Raststätte. Jimmys Kollege ist schon da. Was jetzt? Was haben die beiden vor? Zwei gegen einen? Der Salzburger weiß, er wird den Kürzeren ziehen. Den Maserati vielleicht nie wieder sehen. Wenn er überhaupt jemals wieder irgendetwas sehen wird. Die beiden Rumänen nehmen Taschen aus ihren Autos und verschwinden. Wohin? Was haben sie jetzt vor?

Es ist eine andere Welt. Sich auf Autobahnraststätten zu duschen, nicht im Gedankenraum des Salzurgers.
Nach einer Weile kommen Jimmy und sein Kollege frisch gewaschen zurück. Noch ausreichend Proviant in Österreich eingekauft. Vollgetankt in Österreich. Weiter geht die Fahrt. Anders und Bohlen stimmen Geronimo’s Cadillac an. Was kann jetzt noch passieren?

Es kommt NOCH besser. Der Gesprächston freundschaftlich. Jimmy erzählt von seiner Familie. Den schlechten Straßen in Rumänien. Und dem Skiurlaub: in Österreich. Eine Woche. Jedes Jahr. Wie er sich darauf freue. Und wie freundlich die Österreicher sind. Lobhymnen fast. Linz vorbei. Brother Louie im never-ending-remix. Salzburg naht. Jimmy fährt. Konzentriert. Der Salzburger pennt weg. Kurz, aber doch. Das Ziel ist erreicht. Es geht wieder alles ganz schnell. Der Hänger wird entladen. Der Schwarze rollt auf den Baumarktparkplatz. Jeder Handgriff sitzt da.
Weit nach Mitternacht. Eine überschaubare Summe wechselt den Besitzer. Lohn für eine gute Arbeit. Verabschiedung, freundlich, dankbar. Müde.

Können gut 3 Stunden Bewusstsein verändern? Vielleicht nicht. Aber das Bewusstsein schärfen. Zum Nachdenken anregen. Worte aus dem Schatz streichen – Worte und Floskeln wie »Autoschieber«, »Lauter Kriminelle«, »Ausländer«. Blicke weiten, Sichtweisen verändern. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Dreizack wurde kurz darauf wieder sachkundig repariert. Eine defekte Benzinpumpe war der Grund für den Stillstand.

Die Geschichte ist eine wahre. Der Maserati steht heute zum Verkauf. Mehr Infos gerne telefonisch unter +43 664 4421228

Und Jimmy, wenn Du mich hören kannst heute: »Danke, Kollege.«

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